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Münchhausens neue Abenteuer

In meiner letzten Kolumne vom Sonntag, dem 05. Oktober schrieb ich: „Ab Montag treten wir in die „heiße Phase“ des Desasters ein.“ Und: „Wir werden die Tiefs von 2003 wiedersehen. Sehr viel schneller, als die meisten Bullen sich das träumen lassen!“ Was ich danach tat? Die gewinnsicherenden Stoppkurse meiner Puts nachziehen (und das auch meinen Lesern empfehlen) und dann eine Woche lang in Urlaub fahren, um eine sehr entspannende, spätsommerlich sonnige Urlaubswoche zu genießen.

Was währenddessen an den Märkten ablief, war beispiellos. Denn die Börsen gingen wie prognostiziert ab Montag in die „heiße Phase“ des Desasters über. Eines Desasters, das ich bereits vor über einem Jahr klipp und klar vorausgesagt hatte. Lesen Sie einfach meine alten Kolumnen nach: Niemand (auch nicht Ex-Chef Funke von Hypo Real Estate oder Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann) kann doch heute allen Ernstes behaupten, dass das wahre Ausmaß der Krise nicht erkennbar gewesen sei, ohne sich selbst damit dem Vorwurf der Unfähigkeit oder der Vertuschung auszusetzen.

Ich will mich nicht in die lange Reihe derer stellen, die heute auf den Banken herum dreschen, darunter auch viele Vertreter der Bundesregierung, deren halbes Kabinett im Aufsichtsrat der Hypo Real Estate sitzt. Oder in den Kontrollgremien der havarierten Landesbanken. Einige Anmerkungen erlaube ich mir aber:

  1. 1. Was ich an den Kreditmärkten abgespielt hat (und weiter abspielen wird!), ist eine Neuauflage der Pleite der kalifornischen US-Bezirksverwaltung von Orange County 1994, wenn auch in einer leider erheblich dramatischeren Größenordnung: Am grünen Tisch und mit stierem Blick auf das vermeintlich gerade erfundene finanzielle Perpetuum mobile wurden Finanzprodukte kreiert, die ihren Schöpfern über den Kopf wuchsen, eine Eigendynamik entwickelten, mit einem Höchstmaß an Verantwortungslosigkeit in den Markt gedrückt wurden und immer weitere internationale Banken anlockten, an Bord zu gehen.

    „Gier“, das wusste schon Sigmund Freud, „macht den Menschen zum Sklaven eines Triebs, der den Verstand ausschaltet“. Wirklich böse ist allerdings in der Tat, dass sich die Banker in Zeiten sprudelnder Gewinne als gottähnliche Lenker und Leiter aufführen, für den Kollaps der von ihnen aufgerichteten Kartenhäuser aber den Windzug eines quasi aus dem Nichts aufgetauchten Schicksals verantwortlich machen.

  2. Die Unfähigkeit, durch über fünf Jahre Hausse geprägte Denkmuster zu verlassen oder auch nur zu hinterfragen, ist vielleicht auch von Bankern zu viel verlangt. Anlegern, Wirtschaftsführern und Wirtschaftsforschungsinstituten ist das schließlich auch nicht gelungen. Und vielen von ihnen gelingt es heute noch nicht. Eine gestern veröffentlichte Umfrage unter 2.500 Unternehmen ergab, dass man dort zwar mit einer konjunkturellen Delle, nicht aber mit einer Rezession rechnet.

    Ein Übergreifen der Finanzkrise auf die sgn. Realwirtschaft wird (auch von den meisten Wirtschaftsforschungs- Instituten) immer noch ausgeschlossen. Nun ja: Die jüngsten Daten zur Industrieproduktion in den USA, zum Automobilabsatz dort, aber auch im Euroraum, zu den Bestelleingang im Maschinenbau belegen, dass sich die Realwirtschaft bereits inmitten der Rezession befindet – weltweit!

    Wie das manager magazin unlängst berichtete, planen 73 Prozent der EU-Unternehmen nun Kostensenkungsmaßnahmen, was in der Regel den Abbau von Arbeitsplätzen bedeutet. Die Bundesregierung scheint derartige Berichte leider nicht zu lesen und offeriert stattdessen immer „erstaunlichere“ Arbeitsmarktdaten. Dass mittlerweile jeder 4. Bundesbürger nur mit Hilfe staatlicher Zuwendungen noch über die Runden kommt, dass auf finanzielle Nulldiät gesetzte vollzeitig Beschäftigte und aus der Statistik heraus gerechnete Arbeitssuchende beim Zahlenwerk gar nicht mehr vorkommen, kann (logischerweise) nichts daran ändern, dass die zunehmende Zahl faktisch Armer schlicht und ergreifend auf die Nachfrageseite durchschlägt.

WIE WEITER – MÜNCHHAUSENS NEUE ABENTEUER

Wie es weiter gehen wird, ist eine auch für mich schwierige Frage. Die kommende Krise zu sehen und vor ihr zu warnen, das ist das Eine. Märkte, wie wir sie heute haben und in denen fast täglich neue historische Auf- oder Abwärtsbewegungen stattfinden, sind etwas anderes ist.

Was wir heute erleben, sind Perversionen. Perversionen sowohl derer, die uns den ganzen Schlamassel eingebrockt haben als auch derer, die nun den Part des Retters übernommen haben.

  1. 1. Wie „abgedreht“ und sich einfach abseits der „normalen Welt“ sich einige Banker bzw. Lenker weltgrößter Unternehmen sind, zeigt das Beispiel American Int. Group. AIG schlürfte Mitte September rund 85 Mrd. US$ an US-Staatsbürgschaften weg, erklärte aber rund zwei Wochen später, noch einmal ca. 30 Mrd. US-Dollar zu benötigen.

    Unmittelbar nach der ersten Kreditzusage absolvierte das Unternehmen ein 440.000 Dollar teures Luxus-„Event“ für Mitarbeiter. Und für die kommenden Tage hat AIG ausgesuchte Kunden zu einer Jagdpartie nach England eingeladen.

    Ich mag das nicht weiter kommentieren – es spricht für sich.

  2. Heute springen nun die Staaten als Retter in die Bresche. Und „garantieren“ Hunderte von Milliarden von Dollars oder Euros, um die Risiken von Bankenpleiten aufzufangen.

    Mal nachgefragt: WER garantiert hier eigentlich was? Und wie? Am vergangenen Montag versagte die „Nationale Schuldenuhr“ in New York, die die Staatsverschuldung anzeigt. Sie war, 1989 eingerichtet, „nur“ bis zu eine Maximalverschuldung von einer Billionen Dollar eingerichtet. Wie man so etwas löst? Ganz einfach: Man erhöht die verfügbare Schuldensumme einfach einmal um den Faktor zehn ...

Die Bundesregierung, immer schon sehr kreativ bei der Wortschöpfung zusätzlicher Belastungen (z. B. „Solidarits-„Zuschlag“) hat sich nun für das über eine halbe Billion schwere Rettungspaket der Banken den schönen Namen „Sondervermögen“ einfallen lassen.

Sondervermögen? Wie nett! Sonderschulden wäre wohl richtiger. Woher, fragt man sich, nimmt denn die Bundesregierung das Geld für ihr „Sondervermögen“? Dass der Staat pleite ist, ist ein offenes Geheimnis. Das 500 oder 600 Mrd.-schwere „Sondervermögen“ bedeutet faktisch nichts anderes, als dass jeder Bundesbürger, vom Neugeborenen bis zum Greis, mit 5.000 – 6.000 Euro für die Bürg(er)schaft des Staates für die Banken gerade stehen muss! Um sich damit die Einlagengarantie der Bundesregierung zu erkaufen.

Hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Eine (w)irre Garantie. Das Steuervolk garantiert sich selbst, dass seine Einlagen sicher sind. Es zieht sich (bzw. die Banken) tatsächlich à la Münchhausen selbst am Schopf aus dem Sumpf.

Kann man mitmachen, sollte man aber nicht!

MEINE PLANUNG

Erst einmal: Wenn die Kurse so schwanken wie aktuell, kann man nicht mit kurz laufenden Calls oder Puts herum fummeln. Zeiten, in denen die Kurse so rasch schwanken (und mit „Gaps“ zur Eröffnung) kommen, kann man nicht wirklich traden.

Aktuell gehe ich davon aus, dass wir weiter herunter müssen, bevor einmal auf Calls gesetzt werden kann. 6.300/6.500 Punkte im Dow Jones sind dafür mein Szenario – was schon in den kommenden Woche fällig sein sollte.

Dass ich keine Glaskugel habe, möchte ich noch einmal betonen. Erreichen wir 6.300/6.500 im Dow Jones, ist auf einen Einstieg in kurzfristige Calls nachzudenken.

Auf Sicht wird es an den Märkten bis unter die März-Tiefs 2003 gehen, wie ich am 05. Oktober feststellte.

Und danach irgendwann auch einmal um den Einstieg in ganz laufende Calls gehen. Vermutlich werden dann alle „Experten“ zum Ausstieg blasen und den Weltuntergang vorhersagen. Dann werden wir kaufen! Aber bis dahin dauert es noch!

Beste Grüße!
Axel Retz

Der Verfasser ist Herausgeber der Seite www.private-profits.de
© für www.finanztreff.de, www.ariva.de und www.zeitenwende.ch 17. Oktober 2008


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