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Uhrsache und Wirkung

In der Nacht vom 29. auf den 30. März kam es zum Uhrprung in die Sommerzeit. Während der ökonomische/ökologische Nutzen dieses Manövers nach wie vor umstritten ist, liegt er wirkliche Vorteil auf der Hand: Wenn Sie am Sonntag um zwei Stunden verschlafen wollten, mussten Sie dafür nur eine opfern. Die gewonnene, rechnerisch zwar verlorene Stunde können Sie mit kochendem Wasser blanchieren und dann bis Ende Oktober in der Tiefkühltruhe aufbewahren. Ein immer gerne gesehenes Geschenk, übrigens, das aber auch leicht missverstanden werden kann.

Abgesehen von den Ausnahmeerscheinungen in der Bevölkerung, die ein instinktives Gespür dafür haben, in welche Richtung die Zeiger nun verdreht werden müssen, plagte die meisten Zeitgenossen auch bei dieser Uhrsache wieder lähmende Ungewissheit. Vor oder zurück? Und mit welcher Konsequenz?

Schon am Dienstag, der ja dann mehr oder weniger eine Stunde früher oder später beginnt, schlägt das Schicksal erneut zu: Der 1. April verführt zu allerlei Schabernack. Wenn Sie sich unbedingt beliebt machen wollen, fragen Sie an diesem Tag im Media Markt nach einem WLAN-Kabel, im Baumarkt nach Abisolierband oder in der Apotheke nach Diabetikerseife. Fortan wird man Sie als ausgewiesenen Humoristen schätzen. Oder auch nicht.

Dieses unklare Schicksal teilen aktuell auch viele Analysten, Banker und Politiker, die seit Wochen ganze Breitseiten vorgezogener Aprilscherze abfeuern. Und damit vielleicht das Publikum überfordern.

Denn bedauerlicherweise ist davon auszugehen, dass nicht wirklich alle Anleger dem gleichen Humor frönen und verstanden haben, dass es sich hierbei bloß um den Streich gar gewiefter Schelme handelte, die augenzwinkernd gezielte Attacken auf die Lachmuskeln ihrer Leser bzw. Zuhörer unternahmen, um Licht in die triste Zeit des bis dato verlängerten Winters zu bringen.

So sah ich kürzlich einen Chart, dessen Verfasser die Kursentwicklung des Dax für die kommende Monate mit bewusst sparsam gesetzten, provozierend in den Chart gezeichneten Linien entwarf und diese kühne Karikatur dann durch eine wuchtige Kommentierung adelte.

Ich mache so etwas schon lange nicht mehr: Nicht jeder versteht derartige Selbstironie, und allzu leicht wird man ernst genommen. Und dann mit freundlichen Hinweisen auf das heute medizinisch Mögliche bedacht. Der Effekt: Statt des gewollten Frohsinns hat man Trübsal, Mitgefühl und Sorge Vorschub geleistet. Und das ausgerechnet im Umfeld der Zeitumstellung und des 1. April – also ob die Menschen nicht schon Probleme genug hätten!

In diesem Frühjahr würde ich sogar von einer „historischen“ Zeitumstellung sprechen wollen. Nicht dass ich es täte. Ich würde nur wollen. Das sagt man heute so. Und ich sehe nur davon ab, weil sich das arme Wort nicht gegen seinen Missbrauch schützen kann und zuletzt schon so erbärmlich abgewetzt wurde, dass es einen dauert.

Und natürlich, weil es ein Wort mit Migrationshintergrund ist. Da weiß man ja nie, ob man sich nicht unbedacht um Kopf und Kragen schreibt.Würde ich aber von einer historischen Zeitumstellung sprechen wollen, würde ich nicht den Wechsel von Winter- auf Sommerzeit meinen. Sondern das Gegenteil. Und zwar konjunkturell. In den USA ist die Rezession in vollem Gange. Ziehe ich die seit Jahren geschönten Konjunkturdaten mit ins Kalkül, müsste wohl sogar vom Eintritt in eine Depressionsphase gesprochen werden. Im Wahljahr tut man das noch weniger gerne als sonst, schon einmal gar nicht, wenn die Alternative der Oppositionellen selbst für viele „konservative“ US- Demokraten ein Alptraum ist: Eine Frau? Ein Schwarzer?

Also hat das Washingtoner Government (Wash&Go) beschlossen, die Daten ein wenig vom Staub der Straße rein zu waschen, bevor sie in die freie Welt entlassen werden. Diese Art von „Zeitenwende“ ist allerdings schon weißbärtig. Und es ist blauäugig anzunehmen, dass sich daran nach einem Machtwechsel in Washington auch nur das Geringste ändern wird.

Nicht dass wir uns missverstehen: Ich rede nicht von einem amerikanischen Phänomen. Denken Sie an die hierzulande gefühlte Inflation. Ist ja eigentlich gar nicht so schlimm. Es sei denn, sie erwischt auch einmal den Stoiber-Express Transrapid. Da schnellten die Preise zuletzt so arg nach oben wie die Milch- oder Brotpreise.

Und da nehme ich noch einmal den Farbfaden aus weißbärtig und blauäugig auf: Brötchen und Milch – das wollen wir doch alle. Aber den Transrapid? Höre ich mir dir Kommentare aus München oder Berlin an, hat den ja eigentlich noch niemals irgendwer wirklich gewollt. Der war ein Aprilscherz von Thyssen-Krupp und Siemens. Eines muss man den Verantwortlichen der deutschen Industrie und der Politik lassen: Humor haben sie!

Hypo Real Estate, UBS, Société Générale, Bear Stearns, Citigroup, Deutsche Bank, IKB, diverse Landesbanken, Fannie Mae und Freddie Mac: Auch hier ließ man es schon vor dem 1. April in diesem Jahr so richtig krachen: Wer immer auch in diesen Unternehmen vorne steht, hatte und hat keinerlei Vorstellung davon, was wann an welchen Abschreibungen noch kommen könnte. Aus Geschäften, deren Risiken man offensichtlich niemals verstanden hat.

Versuchen Sie das einmal als Kleinunternehmer, Familienvater oder als einfache Hauskatze. Aus die Maus!

Ab dem 2. April wird alles anders aussehen. Dass zehn von elf „Börsen-Professionals“ im ersten Quartal in real geführten Musterdepots Verluste von bis über 70 Prozent erwirtschaftet haben, wird Geschichte sein. Und als missverstandener Gag begriffen werden.

Oder auch nicht.

Meine Einschätzung kennen Sie: Wir stehen am Anfang eines Bärenmarktes. So denke ich nicht nur, so trade ich auch. Was mich nicht daran hindert, aus Puts auszusteigen bzw. Calls zu spielen, wenn dafür der richtige Zeitpunkt vorliegt. Wie in meinen Empfehlungen von Ostersonntag. Allianz, Lufthansa und Apple zum Beispiel. Am Osterdienstag zur Eröffnung gekauft. Und alle wieder glattgestellt. Nur drei Trades? Ja, nur drei Trades, auf die wir nun alle Gewinne eingetütet haben. 22,84 Prozent in einer feiertagsverkürzten Handelswoche. Und das ist kein vorgezogener Aprilscherz!

Axel Retz

Der Verfasser ist Herausgeber der Seite www.private-profits.de
© Kolumne für www.finanztreff.de 31.03.2008


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